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Kennen Sie München?
 Wer in München versucht, abseits von Mega-Rave und Schickeria auszugehen, hat es schwer, besonders seit Ultraschall, Flokati Club und Mandarin Lounge der Vergangenheit angehören. Mit dem jungen Label Pastamusik und dem alten Hasen DJ Linus schicken sich ein paar Lokalpatrioten an, die weißen Flecken auf der bajuwarischen Partylandkarte wieder mit Leben zu füllen. Kollateral-Nutzen: Gute Musik kommt dabei auch noch rum.
Über München scheint die Sonne. Meistens jedenfalls. Die Menschen wirken glücklich, sie sehen gut aus und verdienen nicht schlecht. Am Wochenende setzen sie sich in ihr Auto und fahren an den See oder in die Berge, wenn sie nicht im Biergarten um die Ecke bleiben. München hat zwar den besten Fußballverein der Welt (Stand Herbst 2001), das Nachtleben aber kickt oft eher auf Regionalliga-Niveau. Was tun, wenn es dunkel wird, gehörte immer zu den komplizierteren Fragen, wenn man House mochte und Tanzen gehen wollte.
Rummel statt Rave
Von den verfügbaren Nightlife-Optionen bildet die P1-, Parkcafe-, Pacha-Schiene so etwas wie den dominanten Diskodiskurs. Die Disziplinen aufbrezeln, Schampus saufen und abschleppen werden geprüft und die Logik dahinter ist streng binär: reinkommen/nicht reinkommen. Im Praxistest erweist sich der Parcours eher als be- denn entgrenzende Veranstaltung, die aber ziemlich Stadtbild-prägend wirkt. Als Alternative zum Schickeria-Style entwickelte sich in München Mitte der 90er-Jahre eine Mega-Rave-Ausgehkultur. Bei den zahllosen Großveranstaltungen wehte das Energy-Drink-Banner auf allen 150 Floors und spätestens in der Grillwurst-Area beschlichen auch konsumaffirmative Raver Zweifel an dem, was ihnen da als heißer Scheiß angedreht wurde. Den nur noch kleinen Schritt vom Rave zum Rummel vollzog schließlich der Kunstpark Ost. Das ghettoisierte Ausgehen, das schon seit dem Flughafen Riem eine gewisse Tradition hatte, wurde hier zu Ende gedacht und hat viele von der Tanzfläche in die innere Emigration getrieben.
So weit, so schwierig. Alles, was sich mit einem spezielleren Musikprogramm und kleinerem Rahmen jenseits des Trends zum Event etablieren wollte, hatte es fortan schwer Standort und Publikum zu finden. Das Ultraschall hielt lange und engagiert das Technofähnlein hoch und subventionierte damit elektronische Obskuritäten im grünen Raum. An dieser Stelle ging mit dem Flokati freitags ein kleiner, feiner Houseclub an den Start, der oft gute DJs buchte, aber leider kaum eigene Residents hervorbrachte. In dem Klub mit dem unhandlichen Namen KW – das Heizkraftwerk fuhren bevorzugt durchgenudelte Ami-House-Größen wie David Morales mit der Stretch-Limo vor, da sich die Veranstalter das Motto “World League” auf die Fahnen geschrieben haben.
Seit der Kunstpark Ost Anfang des Jahres seine Pforten schloss, werden die Nightlife-Karten wieder neu gemischt. Und siehe da, es bewegt sich was. Schwabing Girls und Westend Boys tanzen wieder in der Innenstadt, der Dancefloor wird nicht mehr nur von Teenagern bevölkert und Münchens großes Potential als Musikstadt scheint wieder mehr auf das Nachtleben abzufärben. Vielleicht wird bei dieser Gelegenheit auch die Münchner House-Szene aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Potentielle Prinzen fürs Wachküssen sind das junge Label Pastamusik und der Routinier DJ Linus, die mit unterschiedlichen Mitteln, aber gleichem Engagement an dieser Baustelle arbeiten.
Besuch bei Pastamusik …Das integrierte Office, Studio und Soundsystem-Lager von Pastamusik liegt in einem großen, grauen Gebäude, in dem vormals Beamte der Münchner Stadtwerke an ihren Schreibtischen dösten. Die sind nach einem Stellenabbau in die Vorstadt umgezogen, weswegen die leeren Räume jetzt kostengünstig genutzt werden können – bei den Münchner Mietpreisen ein erheblicher Vorteil für ein junges Label. Die langen Flure verströmen noch viel behördlichen Anticharme und im Foyer wird man gleich von einem Aushang des Hausmeisters begrüßt, der Parties ausdrücklich und unter Androhung fristloser Kündigung untersagt. In den Ecken der Gänge stehen lehre Augustiner Hell Flaschen von dem letzten Fest, aber Richi meint, sie hätten damit nichts zu tun gehabt. Allerdings würden Mike, Richi, Gabriel und Bob durchaus ins Täterprofil passen. Sie kennen sich schon seit Jahren und haben so manche legale wie illegale Party auf die Beine gestellt, T-Shirts gedruckt und das Fußballturnier einer lokalen Radiostation gewonnen. Bereits 1997 brachte man mal ein Weißmuster in Umlauf, blieb aber mit dem Label nicht am Ball. “Wir wollten immer ein Label gründen, haben dann aber meistens andere Sachen gemacht”, kommentiert Bob die lange Spanne und macht klar, dass es bei Pastamusik neben der Musik eben auch darum gehe, etwas auf die Beine zu stellen. “Ein Label ist wie eine Band heutzutage”, meint Gabriel, was für elektronische Verhältnisse vielleicht etwas unnaheliegend klingt, aber im Fall der Münchner durchaus zutreffend ist. Man will möglichst viel zusammen machen, auch wenn das zu endlosen Diskussionen führt, nicht zuletzt weil die Labelpolitik mutationsfreudig wie die namensgebende Teigware sein soll. Ein wenig täuscht der Gemeinschaftscharakter aber darüber hinweg, dass die ersten drei der vier bisher erschienenen Maxis im Wesentlichen von Sista Bob stammen. Seine Tracks bewegen sich in der Grauzone zwischen minimalem House und Techno und sind mit feinem Gespür für Sounds und Dramaturgie produziert. Hier wird an der eigenen Idee gefeilt, nicht auf den Zeitgeist oder Trendyness geschielt, denn Wertarbeit hat kein Verfallsdatum. Ergebnis des langen Destillationsprozesses sind dann Tracks wie 50/50, eines jener seltenen psychoaktiven Rave-Monster, die Gänsehaut und Schweißausbruch gleichzeitig auslösen können. Die vierte Ep, Feierabend, setzt den Kollektivgedanken am konsequentesten um. Über Gabriels Track gibt Mike den MC und erzählt zur knarzigen Acidbassline eine Geschichte von den Versprechungen des Nachtlebens, die nie eingelöst werden. Oder doch? You decide! Bob hat einen Remix und einen eigenen Track beigesteuert und Richi war bei all dem auch mal in der Gegend, wie versichert wird. Tatendrang und Kollektivgeist von Pastamusik entladen sich auch einmal im Monat in Form einer Party. Einen nationalen oder internationalen Gast lädt man sich ein, den Rest der Beschallung übernimmt man selbst. Mike, Richi und Gabriel legen auf, Bob eher selten, spielt aber dafür live. Man hat genaue Vorstellungen, wie so eine Party aussehen soll. Wichtig beim auflegen: zuprosten, noch wichtiger: Kontakt zu den Leuten, darüber den Groove finden, der aber nicht zu schnell sein darf. Gewissermaßen gemütlich das Haus niederrocken. Da geht es auch um Vermittlung, wie Bob meint: “Die Szene, die wir beglücken wollen, müssen wir auch erst mal zusammenführen.” Pastamusik leisten Basisarbeit für den Monaco Jam. Insofern sind die Münchenverweise auch kein selbstgefälliges “mir san mir”, sondern eher ein trotzig aktionistischer Lokalpatriotismus. Manchmal ist es eben durchaus Arbeit, aus der Reihe zu tanzen.
… und DJ Linus
Am Viktualienmarkt sieht München aus wie in dem Paulaner-Bier-Fernsehspot – irgendwie bedrückend gemütlich. Von den überall aufgestellten Werbeplakaten für die bevorstehende Landtagswahl lächelt eine junge Frau, die das CSU-Parteilogo als Aufklebtattoo auf der Schulter trägt. Ein paar Schritte weiter befindet sich der Plattenladen von DJ Linus. Seine Tätowierungen kann man wohl nicht wegschrubben. Die Wände sind voll neuer Maxisingles, an den freien Stellen kleben Zeitungsausschnitte aus der Taz. Seine Kunden berät der Elder Statesman der Münchner Houseszene nett und kompetent von der bequemen Couch aus. Linus legt nun schon seit 1987 auf, sein halbes Leben, wie der 33-Jährige nicht ohne Stolz anfügt. Er war Resident DJ in verschiedenen Clubs, unter anderem in der Mandarin Lounge, der nicht nur er selbst nachtrauert. Im Augenblick spielt er samstags im Palais, einem Club, dessen Interieur man die Nachbarschaft zu einem Animierlokal deutlich anmerkt. Seit Anfang der 90er-Jahre produziert Linus eigene Tracks und wurde Mitte der 90er das House-Aushängeschild von Michael Reinboths Label Compost. In dieser Phase konnte er sich mit seinen deephousigen, oft mit einem Disko-Einschlag versehenen Style einen guten Namen machen. 2001 gründet er sein eigenes Label Exun, auf dem eigene, aber auch Tracks befreundeter Produzenten erscheinen. Linus’ Stücke wurden merklich minimaler, perkussiver und elektronischer im Klangbild. In England, Frankreich und den USA stieß er damit auf mehr Aufmerksamkeit als in Deutschland und sein bislang größter Hit, das wunderbare “Who Stole the Soul?”, kam hierzulande ironischerweise vor allem über die Lizenzierung von David Duriez’ Brique Rouge Trax ins Gespräch. “We need more Erykah Badus … and less children with no destiny”, heißt es darin und die Klage des befreundeten Rappers über die “empty minded music” könnte auch von Linus selbst stammen. Sein Gegenrezept: Underground – ein Lieblingswort von Linus, das einen durchaus weiten Bedeutungsumfang zu haben scheint. Underground meint vor allem Eigenständigkeit, auf niemanden hören zu müssen und seine eigenen Strukturen bilden. Das macht Linus mit seinem angenehm zurückgelehnten Selbstbewusstsein immer wieder klar. Underground beißt sich nicht damit, auch mal im Ministry of Sound aufzulegen (”die DJ Booth sieht aus wie ein Raumschiff”) oder sich die Plattenhüllen von einem Fashionlabel sponsoren zu lassen (”kommt meinen Künstlern zugute”). In jedem Fall ist Underground das Gegenteil von dem “Wichtigtuer-Kommerztrip”, einem Phänomen, für das Linus viele Bezeichnungen findet – vielleicht eine Spätfolge der Jahre, die Linus neben Tom Novy hinter der Theke des Recordshop verbracht hat, wie man laienpsychologisch deuten könnte. Diese typisch Münchner Erscheinung wirkt sich auf die ganze Szene aus: “Abzocker gibt’s in München wie Sand am Meer. Die Leute sind mit komischen Raves, Clubs, so genannten Bookings und hohen Eintrittspreisen verarscht worden. München ist eine reiche Stadt, da laufen sowieso viele Koksnasen rum, die von tuten und blasen keine Ahnung und auch überhaupt kein Musikverständnis haben. Die tanzen auf irgendeine blöde Musik, nur weil’s die anderen auch machen.” Meint Linus im Stile eines Vokals seiner Platten. Er pflegt lieber seine Connection nach Frankreich. Demnächst wird eine Linus 12″ auf dem Brique Rouge Sublabel Stay True erscheinen und David Duriez will auch einige Tracks für Exun abliefern. Neben einem eigenen Musikverlag baut Linus gerade ein Netzwerk auf, in dem Bookings jenseits der agenturüblichen prozentualen Abschläge vermittelt werden sollen.
Hoffentlich düngt der kleinste gemeinsame Nenner aus Bookingagentur und Schüleraustausch den House in München, wie es der monatliche Pastamusik-Bash bereits tut, so dass das zarte Pflänzchen endlich seiner schattigen Randlage entwächst. Sonst muss man halt wieder an den See fahren …


1 Kommentar

  1. 1. Florian

    Kommentar vom 27. Juli 2010 um 08:20

    Also das ist super cool. jetzt weiß, welche Partys ich unbedingt besuchen muss. danke

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